Ich führe einen perfekten Haushalt, habe adrett angezogene Kinder und überhaupt… Wir sind die perfekte Familie – nicht! Ich bin das wandelnde schlechte Gewissen einiger Freundinnen und Bekannten. Schlimm, denn schon auf der Türschwelle, wenn ich zu Besuch bin, entschuldigen sich Freunde für ihr „Chaos“. Zu Besuch bei mir werde ich auch hin und wieder gefragt: „Hast du eigentlich eine Putzfrau?“
Ich dachte oft, ich sei eben eine Perfektionistin. Aber: Wer will das schon sein? Deshalb musste ich schnellstens etwas dagegen tun. Ich ließ die Kinder ihre Kleider einfach so lange tragen, bis man vor lauter Flecken das Muster nicht mehr erkennen konnte. Ich schwänzte Elternabende oder vergaß auf der Faschingsfeier als einzige, die Kinder zu verkleiden. Ich wusch mir die Haare nur alle drei Tage und ging in Jogginghosen zum Einkaufen. Alle sollten es sehen: Ich bin nicht euer schlechtes Gewissen, ich habe es genauso wenig im Griff wie ihr!
Aber jeder malt von seinem Mitmenschen ein Bild, das in der Regel schnell fertig ist. Viele sehen nur, was sie gerne sehen möchten.
Eine Zeit lang, als ich mit zwei Kleinkindern chronisch überfordert war, befolgte ich Tipps meiner Freundinnen, wie: „Lass einfach mal alles liegen!“, „Wasch halt nur einmal in der Woche die Wäsche!“ Nur, dass dann die Arbeit am Ende der Woche unüberwindbar zu sein schien und es vom Liegenlassen auch nicht weniger wurde.

Bin ich nun eine Perfektionistin? Nein, gar nicht! Ich bin ordnungsliebend, denn Ordnung brauche ich für meinen inneren Seelenzustand. Die einen gehen zum Psychiater und ich ordne! Saugen – (häufig bis sehr häufig, weil bei vier Kindern der halbe Sandkasten im Haus zu finden ist) ist doch tatsächlich inspirierend für mich, aus dieser monotonen Arbeit entspringen viele Ideen.
Ich bin eine Putz-Agentin, die ihr Mikrofasertuch zückt, wenn sie Schmutz sieht. Von meinem Boden kann man trotzdem nicht essen, denn ich bin wirklich perfekt unperfekt.

 

 

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