2Männer

Einmal im Jahr fahren wir als Paar ein Wochenende weg, raus aus dem Alltag, Zeit zu zweit. Beim letzten Aufenthalt waren wir in einem prächtigen Jugendstil-Hotel in Freudenstadt. Bei der Begrüßung zu Flügelmusik und Sekt, eine gut gelaunte Rentnergruppe neben uns, fühlten wir uns am Anfang nicht sehr wohl, so mitten im Schwarzwald. Der Blick in den schönen Speisesaal mit den großen Kronleuchtern ließ unsere Aufregung steigen. Dank schöner Leihgabe hatte ich für das Abendessen ein As im Koffer: ein salonfähiges Kleid. So hatte ich die Chance, doch noch zum Ambiente des Hotels zu passen. Der Ober führte uns zum Tisch und nachdem wir uns so langsam auch locker gemacht hatten merkten wir schnell, dass wir die einzigen waren, die sich so rausgeputzt hatten. Am Nachbartisch saß ein Ehepaar in Lederkluft, die Arme wild verziert. Und überhaupt, im Vergleich zu den anderen im Saal, waren wir die einzigen Spießer. Es war ein lustiges Bild, die bunten Haufen an den schwarz-weiß gehaltenen Tischen.
Wir fingen uns an zu fragen, was dies wohl für Menschen seien, die wie wir hier gelandet waren. Ziemlich schnell realisierten wir, dass wir mit unseren Mutmaßungen über die anderen Gäste im Gespräch ziemlich schrille Bilder von ihnen malten und uns dabei jeglicher Klischees bedienten. Die Äußerlichkeiten, so denkt wohl die Mehrheit, erzählt viel über uns. Doch was ist, fragten wir uns, wenn das, was wir in den Menschen meinen zu sehen, nicht stimmt? Wie oft nehmen wir Menschen in unseren Vorurteilen gefangen? Dabei beschränken wir uns selbst, wenn wir in Schubladen denken. Wenn ich es schaffe, meine Vorurteile zu ignorieren und meinen Stolz hinter mir zu lassen, bin ich vielleicht überrascht darüber, was sich in unseren Mitmenschen auftut.

Mit den 4 Kindern erleben wir immer wieder Situationen, in denen wir mit schnellen Urteilen zu tun haben. Vor einiger Zeit belauschte unsere Nachbarin zufällig die Bauarbeiter von gegenüber, die über Wochen Einblick in unser Haus und den Garten hatten. Sie wunderten sich im Gespräch über die vielen Kinder (bei uns sind außer unseren Kindern plus Pflegekind auch oft noch Nachbarskinder) und so sagten sie: „Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, da hat wohl der Poschtbote zu oft geklingelt!“ oder so ähnlich. Als meine Nachbarin mir das erzählte, fand ich es so lustig, dass ich von da an versuchte, die Bauarbeiter noch mehr zu verwirren.

Neulich sahen wir auf einem Festival einen stark gebauten Mann, von oben bis unten tätowiert, der böse dreinschaute. Ich dachte so bei mir: Den will ich lieber nicht reizen. Später sah ich ihn mit seinem Kind im Arm herumalbern.

Unser Hotel (so stellte sich später übrigens heraus) war ein Fake-Jugendstil-Hotel. Ein reicher Bulgare kauft alte Hotels im Schwarzwald und renoviert sie. Ein super Schnäppchen für so einen Luxus, dachten wir damals. Alles mehr Schein als sein.