Wir_Auswanderer

Aufgewühlt von der Asyldebatte und all der Hilflosigkeit im Umgang damit, denke ich an meine persönliche Geschichte. Mit 10 Jahren landete ich als Aussiedlerkind mit meiner Familie in Frankfurt. Ich war kein Kriegsflüchtling, keine Verfolgte, nicht traumatisiert und musste nicht um mein Überleben kämpfen. Meine Eltern haben aus freiem Willen entschieden, hier ein neues Leben zu beginnen.

In Usbekistan, damals UdSSR, erzählte man uns Märchen aus Deutschland. „Dort ist es so sauber, da kannst du von der Straße essen!“, hieß es. Kam ein Paket mit Gummibärchen aus Deutschland, so aßen wir monatelang aus der Packung und noch als sie leer war rochen wir immer wieder hinein. Wir freuten uns auf die neue Heimat! Für die Deutschen in Russland (von manchen auch ‚Faschisten‘ genannt) war die Übersiedlung ein große Hoffnung. Der Zusammenbruch der Sowjetunion weckte in vielen den Wunsch, für sich selbst und die Kinder in dem Sehnsuchtsort Deutschland eine bessere und sichere Zukunft aufzubauen.

Wir brachen in Usbekistan unsere Zelte ab und kamen nach Frankfurt. Dort warteten Freunde meiner Eltern mit Tüten voller Süßigkeiten, Bananen und Mandarinen auf uns. Hunderte von Spätaussiedlern drängten sich in einen Bus, der uns von Frankfurt an die Ostsee in ein Übergangslager brachte. Ich aß im Bus meine erste Banane und wunderte mich über die vielen Weihnachtslichter. Überhaupt waren für uns alle Deutschen reich.  Nach einigen Tagen Ostsee ging es weiter nach Tübingen, das nächste Auffanglager. Dort hatten wir ein Zimmer zusammen mit Fremden, bekamen neue Papiere, Behördengänge, Warteschlangen, Unsicherheit, Müdigkeit, Hunger.
Einige Tage später, die nächste Station: die kleine Gemeinde Keltern. Meine Eltern hatten Glück, sie hatten Freunde, die uns halfen.

In Keltern angekommen, bezogen wir (7 Personen) ein Zimmer ohne Küche, 7 Betten in einem ehemaligen Schlachtraum und sonst nichts. Für uns war es in Ordnung, wir waren dankbar. Wir durften nicht kochen, sondern bekamen Verpflegung von einem Metzger; so erinnere ich mich an die erste Blutwurst und an meinen leeren Magen, weil ich das nicht essen wollte. Die meisten Deutschen würden sich über Metzgerspezialitäten freuen, uns war das aber alles fremd und als wir nach 7 Monaten in ein Abrisshaus ziehen konnten, waren wir froh über die gewonnene Freiheit.

Wir waren die ersten Aussiedler in der Kommune und die Menschen, die keine Berührungsängste hatten kümmerten sich um uns. Sie brachten uns Kleider, Süßigkeiten und halfen, wo es nötig war. Es gab natürlich auch die anderen, weshalb ich in den ersten Jahren oft gemobbt und beschimpft wurde.

Mich erfüllt eine tiefe Dankbarkeit für die Menschen hier in Keltern, besonders die der Kirchengemeinde Weiler, die offen waren und uns Willkommen hießen. Unser erstes Osterfest werde ich nie vergessen: wir durften von Haus zu Haus gehen und in vielen Gärten Schokolade und Eier suchen.

So kann Hilfe aussehen: Annahme, Offenheit und Liebe. Wir sind hier angekommen, mit viel Fleiß und Kraft und weil wir arbeiten durften im Gegensatz zu den heutigen Asyl suchenden Menschen. Ich wünsche mir, dass das Land  und die Kommunen es schaffen, die vielen Flüchtlinge aufzufangen, sie menschenwürdig zu behandeln, ihnen Sicherheit zu geben und damit die Hoffnung auf ein neues, besseres Leben.

(E)