Zeit

„Wie stehen Sie zum Tod?“ fragt mich die Hasenzüchterin, als ich sie nach zwei Häschen frage. Ich bin ein wenig irritiert, verstehe aber schnell, worauf sie hinaus möchte. „Wissen sie“, erläutert sie weiter, „wenn ein Hase stirbt, rufen Eltern verzweifelt an, weil sie den gleichen Hasen suchen, um den Kindern den Verlust des Kaninchens zu verheimlichen!“

Wie gehen wir mit dem Tod um? Ich zum Beispiel, habe noch keine schweren Verluste erleiden müssen. Bei einer Fortbildung zum Thema „Depression im Kindesalter“ berichtete die Psychologin über die schwere Krankheiten ihrer Tochter. Keiner wusste, ob ihr kleines Mädchen überleben würde. Sie berichtete, die große Angst, ihr Kind zu verlieren, lähmte sie. Sie bekam den Rat einer befreundeten Psychologin, sich das Worst-Case-Scenario vorzustellen. Wie würde sie die Beerdigung gestalten? Wie wäre wohl das Leben ohne ihre Tochter? Schmerzliche Vorstellungen und Fragen, die wir gerne verdrängen. Als sie sich all dem stellte, berichtete die Referentin, wurde sie ruhiger. Sie fühlte Dankbarkeit für die Zeit, die sie mit ihrem Mädchen noch hatte. Das Mädchen besiegte die Krankheit.

Der Medizinische Fortschritt lässt uns im Glauben, dass alles möglich ist. Noch vor hundert Jahren war es nicht selbstverständlich, am Leben zu sein, der Tod und der Schmerz waren allgegenwärtig.

Wir leben neben unseren Freunden, vor einigen Wochen wurde ihre Katze überfahren, sie war die Schwester unserer Katze. Die beiden Katzenschwestern, Heidi und Charlotte, tollten ständig miteinander herum, holten sich gegenseitig ab, indem sie an der Tür der anderen warteten. Nun war Charlotte tot und unsere Kinder trauerten, sie schimpften auf den Autofahrer, wüteten und weinten. Nach der Beerdigung im Garten unserer Freunde sprachen unsere Kinder über ihren eigenen Tod und darüber, wie sie sich ihre Beerdigung vorstellten. Sie sprachen so nüchtern und selbstverständlich darüber, dass ich mich fast unwohl fühlte. Ich wollte es nicht hören und nicht darüber nachdenken. Die Große wolle lieber verbrannt werden, wogegen der Mittlere meinte, das wäre doof, weil er dann kein schönes Grab mit Blumen hätte. Einige Wochen später beerdigten wir noch eine von unseren Farbmäusen und ich staunte wieder über den kindlich ehrlichen Umgang mit dem Tod, der zum Leben gehört. Sie lassen die Trauer und Wut zu, fast besser als ich.

„Ein jegliches hat seine Zeit,
und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit und Friede hat seine Zeit.“

König Salomo

Es ist eine kostbare Zeit!